Volkstrauertag – eine deutsche Perspektive

In dieser kommenden Woche stehen uns zwei Gedenktage bevor, ein offizieller und ein inoffizieller, die uns Deutsche vor eine Herausforderung stellen, wie in keiner anderen Woche des Jahres.

Quelle: AFP
Quelle: AFP

Am 11. November im Jahr 1918 trafen sich die Verhandlungsführer des Deutschen Reiches der französischen und der britischen Alliierten in den Wäldern von Compiègne nahe dem Dorf Rethondes in Nordfrankreich und erklärten den beiderseitigen Waffenstillstand, der den 1. Weltkrieg beendete. Bis zu diesem Tag hatten fast 10 Millionen Soldaten aus 24 Ländern ihre Leben gelassen, dahin geschlachtet auf den Feldern von Belgien, Nordfrankreich und Russland.

Angefüttert durch einen Nationalismus, der inbrünstigem religiösen Glauben in nichts nachstand, hatte das Deutsche Reich und seine Alliierten die Welt in einen globalen Krieg geführt und, als alles vorbei war, wurde ihnen die alleinige Kriegsschuld zugesprochen, ungeachtet der Tatsache, dass der Krieg von allen beteiligten Parteien herbeigewünscht war und dass er ein Produkt komplizierter politischer Verflechtungen und eines Jahrhunderts von außer Kontrolle geratenem Kolonialismus war.

Als er am 11. November 1922 seine Rede zur Institutionalisierung des Volkstrauertages hielt und in seiner Aufgabe als Reichstagspräsident sagte der Sozialdemokrat Paul Löbe: 

Paul Löbe, Quelle: Bundesarchiv,

„Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet Abkehr von Hass, bedeutet Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat die Liebe not.“

Paul Löbe, 1922, Berliner Reichstag

Aber seit seiner Einführung an war der Feiertag als ein Gedenktag der Erinnerung an die Gefallenen des Krieges eine durchwachsene Angelegenheit.

Es sollte nur einige wenige Jahre dauern, bis ihn die Wirklichkeit einholen sollte. Paul Löbes Worte friedfertiger Mahnung sollten in Vergessenheit geraten und ein neuer, giftigerer Nationalismus sollte sich erheben. Der Volkstrauertag sollte von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels zweckentfremdet werden und fortan unserer gefallener „Helden“ gedenken. 

Heutzutage umfasst der noch immer begangene Volkstrauertag eine Kriegsschuld für zwei Kriege und ein Leid, das sich unmöglich in Worte fassen lässt. Die Bilder einer Wehrmachtsarmee, die sich ihren Weg durch Polen, Russland und Frankreich bahnt, lassen uns mit einem Volkstrauertag zurück, dem sich unmöglich so wie in England mit Mohnblumen, gleich welcher Farbe, gedenken lässt.

Ein anderes Datum, ein anderer sozialdemokratischer Präsident des deutschen Reichstags, eine andere durchwachsene Angelegenheit.

Der 9. November wurde oft als “deutschester aller Tage” bezeichnet. Es war an einem 9. November im Jahre 1918, als der Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers bekannt gab und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die “Deutsche Republik” ausrief. Eine Revolution war siegreich gewesen und sie war friedfertig verlaufen. Wahrlich ein Tag zum Feiern.

Es scheint wie ein Zufall, dass es im Jahr 1989 auch ein 9. November sein sollte, als Deutsche aus dem Osten und aus dem Westen die Mauer erklommen, die ihre Stadt 28 Jahre lang getrennt hatte und zusammen Sekt tranken und sich umarmten. Dieses Bild der deutschen Menschenmassen, die auf der mit Graffiti bemalten Mauer unterhalb des Brandenburger Tors stehen, sollte als ein archetypisches Bild für die moderne friedfertige Revolution überhaupt stehen und für die Macht eines Volkes, das danach trachtet, vereinigt zu sein.

Quelle: dpa

Was konnte bloß einen weiteren sozialdemokratischen Bundestagspräsidenten, Wolfgang Thierse, im Jahre 2000 dazu veranlassen, zu verkünden: “Der 9. November ist ein verfluchter deutscher Tag!”?

Warum sollte es unmöglich sein, den 9. November zu einem der heiligsten deutschen Feiertage zu erklären? Weil es auch an einem 9. November im Jahr 1923 war, als Adolf Hitler, in seinem Bestreben, es Benito Mussolini mit seinem geglückten Marsch auf Rom gleich zu tun, seine Nationalsozialistischen Kameraden in einem Putsch gegen die Bayrische Landesregierung in München führte.

Und es war auch an einem 9. November im Jahr 1938 als SA Horden jüdische Synagogen und Geschäfte in den Novemberpogromen überfielen und den Begriff Reichskristallnacht schufen.

Thierse fuhr fort mit den Worten:

“An einem Tag, der an die Pogromnacht 1938 erinnert, finde ich es einfach deplatziert, wenn man sich an Bierständen und Würstchenbuden in die Schlange stellt”

Quelle: Spiegel Online

Sich auf Dauer einen gesunden Patriotismus zu versagen, wäre für jedes Volk und die Formierung und die Reformierung seiner Identität unnatürlich.

Und es ist sicherlich nicht natürlich für ein Volk, das römische Armeen aufhielt und sie dazu veranlasste, Mauern zu bauen, um sich vor dem furor teutonicus zu schützen. Ein Volk, das sich dazu verschwor über eintausend Jahre den christlichen Glauben zu erhalten und zu verteidigen, das an der Kreuzung zwischen Ost und West und der Antike und der Modern stand und das die Wiege der Reformation und vieler Künste und Wissenschaften ist.

Wir Deutschen haben nicht einfach unsere kollektive Schuld ignoriert und unseren Taten unseren Rücken zugekehrt, wie andere Völker es getan haben und auch heute noch tun. Stattdessen haben wir unsere Schuld ununterbrochen und mittlerweile seit Generationen reflektiert, die dunkle Nacht der Seele für jeden sichtbar. Wir haben uns ihr gestellt und haben uns dennoch aus ihr erhoben und dabei jedermanns anklagenden Zeigefinger auf „den Deutschen“ ertragen.

Und dennoch, in den Siebzigern aufgewachsen, wurde mir in der Schule beigebracht „den Anfängen zu wehren“, finde mich aber in einer Gesellschaft wieder, in der jegliche Reflektion über „die Anfänge“ in jedweder Gewalt, Täuschung oder Unterdrückung in allen ihren Formen als schließlich nicht vergleichbar mit dem Nationalsozialismus gewertet wird. Die Grausamkeiten des Dritten Reiches waren so unaussprechlich, dass selbst eine ehrliche Reflektion ihrer Anfänge unmöglich bleibt. Für die Deutschen bleibt diese „wehret den Anfängen“-Übung in Bezug auf jedwede Betrachtung außer der des Antisemitismus sogar bis heute leider eine Unmöglichkeit

Heute gibt es etwas, für das wir noch verwundbarer bleiben als unsere verkrüppelten Landesgrenzen, der Verlust von Ländern, die seit Jahrhunderten Deutschland waren und die jetzt fremden Nationen gehören, sowie unsere zerstörten Städte und Familien: Es ist unsere Scham, dass wir in der Lage sind, so unaussprechliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen und so eine vervollkommnete Maschinerie des Völkermords zu entwickeln.

In der Tiefe unseres Herzens wollen wir Deutschen noch immer vor allem als loyal zu unseren Grundsätzen und zu unseren Führern gesehen werden. Dass man uns für zuverlässig und vertrauenswürdig hält, ist unsere größte Tugend. Sie ist es so sehr, dass über Jahrhunderte hinweg sogar die Frage, ob das Objekt unserer Loyalität dieser Treue überhaupt noch würdig ist, als eine der schlimmsten Ketzereien gewertet wurde. 

Und so bleibt Versöhnung und Umkehr für uns unaufrichtig und unvollständig.

Vielleicht denken wir eines Tages einmal darüber nach mal für einen Augenblick und lange genug inne zu halten und Gott zu fragen, was er zu all dem zu sagen hat. 

Echte Versöhnung, so eine Versöhnung wie Christus sie anbietet (oder welchen Namen auch immer die Deutschen bereit sind, ihm zu geben), könnte uns vielleicht so weit wachsen lassen, dass wir bereit wären, unsere schlimmsten Momente so sehr zu ehren, wie unsere herrlichsten. Als einen Teil dessen, was wir sind – der Versöhnung bedürftig.

Eines Tages könnten wir uns wirklich einmal dazu bereit fühlen, einen Gedenktag an einem 9. November zu feiern. Vielleicht feiern wir ihn nicht, während wir für Bier und Würstchen in der Schlange stehen, aber…

„Gerecht, Ungerecht, ein Platz an der Tafel,

Für Täter und Opfer, Vergebung muss her,

In Wut und in Schmerz, Gedanken von Gnade

Gerecht, Ungerecht, das Leben  ist neu.“

For Everyone Born, Community of Christ Sings, 285

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