Erntedankfest

Heute, am 01. Sonntag im Monat Oktober, ist nach katholischer Tradition und in diesem Jahr auch nach evangelischer Tradition das Erntedankfest.

Früher war die Ernte im Rahmen des sozialen Gefüges der Dorfgemeinschaften für die Menschen noch viel wichtiger gewesen, als es heute gemeinhin der Fall ist. Dies hatte dazu geführt, dass die Menschen immer wieder ihren Göttern für die Ernte gedankt haben, egal, ob sie es, wie im Alten Judentum im Rahmen des Wochenfests oder des Laubhüttenfests, oder wie im Alten Japan zur Feier der Thronbesteigung des neuen Kaisers oder im Alten Rom oder eben in der christlichen Tradition taten.

Egal ob katholisch oder evangelisch, egal ob mit Truthahn wie bei den US Amerikanern oder mit Hopfen wie in der bayrischen Hallertau. Erntedank stand immer für etwas mehr als nur für die Erträge der Ernte. 

Die Menschen machen sich darüber klar, dass die Güter, die die Natur ihnen für ihren Lebenserhalt gegeben hat, nichts Selbstverständliches sind. Sie sind ihnen gegeben worden.

Mit diesem Dank für die Ernte ist das aber so eine Sache und, um das zu begründen, muss ich ein wenig ausführen:

Nirgendwo ist diese Perspektive so präzise und auf den Punkt gebracht ausgedrückt, wie im Gebet, das uns Jesus Christus selber gegeben hat – dem Vaterunser.

Wenn ich meistens morgens mein Gebet spreche, dann beginne ich es immer mit dem Vater Unser, so wie es uns aus Matthäus 6 überliefert ist. Im 11. Vers heißt es dort – „Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben.“

An diesem Wort möchte ich zwei Dinge etwas kürzer und eine dritte Sache etwas ausführlicher anmerken.

Zunächst spricht das Vaterunser an, was uns heute bevor steht.

Das Brot soll die Nahrung sein, die Gott uns heute geben möge. Ähnlich wie das Manna bei Israels Wanderung in der Wüste will Gott uns täglich segnen.

Nicht etwa morgen oder nächstes Frühjahr oder irgendwann, wenn wir in Rente gehen. Ich bin nicht etwa dazu aufgerufen, zu meinen, ich könne das Ende schon vom Anfang her kontrollieren. Ich kann nicht meinen, ich könne mit meiner eigenen Planung und meinen eigenen Vorstellungen alle Bereiche und Aspekte meines Lebens absichern.

Der zweite Punkt, der mir an diesem Teil des Gebetes erwähnenswert erscheint ist, dass das Vaterunser ein gemeinschaftliches Gebet ist. Es heißt dort, „gib uns heute unser täglich Brot“, nicht MIR.

Dies ist ein Gedanke, der uns als Gemeinschaft Christi viel bedeuten mag – wir verstehen es, was es heißt – dass wir vor allem gemeinsam und nicht alleine vor Gott stehen wollen und gemeinsam mit ihm Gemeinschaft haben möchten. Christus hat Gemeinschaft zu einem essenziellen Teil des Reiches Gottes gemacht. Wenn wir also um Unser täglich Brot bitten, dann nehmen wir uns vor Gott im Gebet bereits heraus aus unserem instinktiven Selbsterhaltungstrieb. Wir denken an einander und sehen uns in unseren elementarsten Bedürfnissen bereits als Teil einer Gemeinschaft und eines größeren Ganzen.

Auf den folgenden Punkt möchte ich jedoch etwas näher eingehen.

Es ist die nähere Bedeutung des Wortes „Brot“ für dich und für mich und für denjenigen, der mir vielleicht ferne steht.

Das Wort Brot im griechischen Urtext des Neuen Testaments kommt aus dem Alt-griechischen „artos“ und meint „Brot, Brotlaib aber auch Nahrung“

Für Luther, der in seinem kleinen Katechismus dieses Wort interpretierte, war dieses Brot alles, was

„nottut für Leib und Leben, also Essen, Trinken, Kleider, Schuhe, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Kleiner Katechismus, Martin Luther, https://www.ekd.de/Kleiner-Katechismus-Das-Dritte-Hauptstuck-11533.htm

Das scheint mir eine ziemlich lange Liste zu sein und erinnert mich ein wenig an die Bedürfnispyramide des humanistischen Psychologen Abraham Maslow.

Tatsächlich sehe ich hier Bestandteile aus allen Bedürfnissen, die Maslow in seiner Pyramide benennt. 

Brot – gehört zu Essen und das wäre bei Maslow nur auf der untersten Stufe der Bedürfnisse, die den Menschen durch den Tag bringen.

Aber Luther geht hier wirklich weiter – seine Liste umfasst physiologische und Sicherheitsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse und selbst die Individualbedürfnisse, die bei Maslow Anerkennung, Wertschätzung und Status oder sogar Macht heißen würden, heißen dann bei Luther Zucht und Ehre usw. 

Und dann letztlich noch die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung, die bei Maslow etwas mit den Sinnfragen des Menschen zu tun haben. Bei Luther sind diese sehr stark aus seiner christlichen Identität geprägt – die Selbstverwirklichungsbedürfnisse sind bei ihm nicht direkt benannt, sondern stehen als der qualifizierende Begriff „fromm“ oder „gut“ und „getreu“ vor allem seinen menschlichen Beziehungen in der Familie, der Nachbarschaft, der Arbeit und gegenüber dem Staat voran.

Luther legt also die Gesamtheit dessen, was wir zum Leben brauchen in diesen einen Begriff „Brot“ hinein.

So gesehen würde ich meinen, dass mein täglich Brot bedeutet, den Kühlschrank und den Lebensmittelschrank mit Dingen voll zu kriegen, die nicht nur eben den notwendigsten Kalorienbedarf für mich und die Familie abdecken, sondern der Familie und mir auch Freude machen.

So gedeutet beten wir mit dem „gib uns unser täglich Brot“ auch dafür, dass wir die wirtschaftlichen Möglichkeiten haben, um unsere beiden Jungs finanziell abzusichern, so dass sie in der Lage sind, sich gemäß ihren Vorstellungen wirtschaftlich auf eigene Füße zu stellen und dass wir das Schulgeld für unseren Großen bezahlen können und auch die Monatskarten für den münchner ÖPNV bezahlen können.

Dass wir in der Lage sind, aus dem Haus, das wir bewohnen, ein Zuhause zu machen.

Dass meine Mutter und die Mutter von Chantal (meiner Frau) versorgt ist, die weit entfernt von uns wohnen.

Das kann aber nicht einfach nur so passieren und so brauchen wir zu unserem täglichen Bedarf eine Arbeit, in der wir professionell unseren Beitrag leisten können.

Aber als wir vor einigen Jahren Chantals Vater und seine Frau und Familie in Kigali in Ruanda besucht hatten, sahen wir, dass diese Familie in völlig anderen Verhältnissen lebte. Das Haus war klein, das Sofa, auf dem sie saßen war alt, die Frau war krank. Aber der Vater war glücklich, dass er seine Tochter wiedersehen konnte. Viele Jahre nach dem Krieg in Ruanda hatten wir nicht gewusst, ob diese Familie noch lebte…

Auf dem Weg zu dem Haus kamen wir an einem kleinen Häuschen aus Lehm vorbei. Es hatte nur diesen einen Raum – ca. 4qm gross und dunkel, da es nur die offene Tür als Lichtquelle gab. Darin lag ein alter Mann, der uns die Hand ausstreckte mit der Bitte, ihm einige Ruandische Francs zu geben – für Sein täglich Brot.

Im Lichte unseres eigenen täglichen Bedarfs und unseres eigenen Verständnisses, was „Brot“ für uns bedeutet. Füllt sich mein Herz mit Demut und mit Mitgefühl. Mein Herz richtet sich zu denen hin aus, für die unser eigenes Verständnis von Brot der pure Luxus ist.

Der gemeinschaftliche Aspekt des Vaterunser erhält eine völlig neue Bedeutung. Es verbindet Jene, die nicht haben mit Jenen, die viel haben über das grösste aller Geschenke Gottes überhaupt – die Liebe und das Mitgefühl.

Mein Herz streckt sich aus und erfasst Jene, die mir Nahe stehen und die aber nicht haben mit meinem Mitgefühl und verbindet mich mit ihnen in Liebe und Gedenken.

Im Mittelalter hatte sich der weltliche Aspekt des Erntedankfestes gut entwickeln können.

In der Augsburger Allgemeinen Zeitung heißt des hierzu:

„Da jede Fläche einem Grundherren gehörte, waren auch die darauf erwirtschafteten Erträge dessen Eigentum. Die Bauern mussten die Ernte beim Grundherren abliefern. Symbolisch übergaben sie damals einen aus Ähren gebundenen kleinen Kranz oder eine Erntekrone, als Zeichen für den Abschluss der Erntearbeiten – eine Tradition, die sich bis heute gehalten hat, wenngleich der ursprüngliche Zusammenhang verloren gegangen ist. Im Gegenzug hatten die Bauern Anspruch auf Entlohnung sowie ein Fest mit gutem Essen, Bier und Tanz.“

Quelle: Augsburger Allgemeine Zeitung, 04.10.2020, Link

Als geerntet wurde und sprichwörtlich „der Kaiser das bekam, was des Kaisers war“ wurde gefeiert, es wurde gelacht, getanzt, gut gegessen und gut getrunken. Für einen Abend konnten wir echte Gemeinschaft miteinander feiern – wir waren Gemeinschaft und wir waren ein Teil davon.

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