Christi Himmelfahrt – Andachtsbrief

Dietrich Bonhoeffer wusste wohl, dass sein Schicksal besiegelt war, als am 20. Juli 1944 das Attentat Stauffenbergs auf Adolf Hitler scheitert. Bonhoeffer war ja schon seit über einem Jahr wegen angeblicher „Wehrkraftzersetzung“ im Gefängnis. Aber als Hitler lediglich mit Prellungen und Verletzungen der Trommelfelle davon kam und der Staub sich gelegt hatte, rollte eine Welle der Untersuchungen über die Attentäter und deren Hintermänner auch dem Bruder Bonhoeffers und somit auch ihm entgegen.

Wie Dietrich Bonhoeffer sich in der Haft gefühlt hat und was ihm auf dem Herzen gelegen haben mag, lesen wir heute vor allem in den Briefen, die er an seine Eltern und an seinen Freund Eberhardt Bethke schrieb und die ein Gefängniswärter aus dem Kellergefängnis in Berlin Tegel heraus schmuggelte.

Unter Anderem schrieb er ein Gedicht, aus dem ich gerne in Kürze zitieren möchte:

„Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest

wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

[…]

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Dietrich Bonhoeffer reflektiert seine Gedanken und führt ein Selbstgespräch, sich gleichsam über sich selbst und seinen guten Geist wundernd.

Aber letztlich richtet er seine Worte dann doch an seinen Herrn Jesus Christus, den er nicht sehen kann und den er auch noch nie zu Gesicht bekommen hat… an den er aber mehr festzuhalten vermag als an das eigene Leben.

Woher kommt diese Kraft des Vertrauen auf etwas – auf jemanden – der uns entrückt ist, nicht unter uns weilt und nicht mehr da ist.

Christi Himmelfahrt wird schon seit dem 5. Jahrhundert als Feiertag begangen. Seiner theologischen Bedeutung nach ist dieser Feiertag das Bindeglied zwischen Oster- und Pfingstfest. 40 Tage nach der Wiederauferstehung und 10 Tage vor der Ausschüttung des Heiligen Geistes.

Jeder dieser Feiertage ein Zeugnis für die Hoffnung, für das Leben, für die Verheißung und für das angenommen sein. Und dennoch feiern wir hier, dass uns etwas genommen wird und wir nun von dem Sehenund dem Wissenhineingebracht werden in das Hoffen und das Glauben.

Wie soll das etwas Besseres sein?

Vielleicht führen uns die Worte eines anderen Gefangenen der Antwort auf diese Frage ein Stück näher.

Paulus schreibt aus dem Kerker in Rom an die Philipper. Im ersten Kapitel seines Briefes teilt er mit ihnen eine Botschaft der Zuversicht:

„Ihr sollt wissen, dass meine Gefangenschaft die Ausbreitung der rettenden Botschaft nicht gehindert hat. Im Gegenteil! Allen meinen Bewachern und auch den übrigen Menschen, mit denen ich es hier zu tun habe, ist inzwischen klar geworden, dass ich nur deswegen eingesperrt bin, weil ich an Christus glaube. Außerdem haben durch meine Gefangenschaft die meisten Christen neuen Mut gewonnen und die Zuversicht, dass der Herr ihnen hilft. Furchtlos und ohne Scheu sagen sie jetzt Gottes Botschaft weiter. […]

Ich hoffe inständig und bin zuversichtlich, dass ich während meiner Gefangenschaft nicht schwach werde und versage, sondern dass Christus wie bisher, so auch jetzt durch mich bekannt gemacht und geehrt wird, sei es durch mein Leben oder durch meinen Tod. Denn Christus ist mein Leben und das Sterben für mich nur Gewinn. Weil ich aber mehr für Christus erreichen kann, wenn ich am Leben bleibe, weiß ich nicht, was ich mir wünschen soll.

Ich bin hin- und hergerissen: Am liebsten würde ich schon jetzt sterben, um bei Christus zu sein. Das wäre das Allerbeste!“

(Philipper 1:12-25 – Auszüge)

Anders als Bonhoeffer, hatte Paulus tatsächlich den Herrn gesehen, lange nach dessen Himmelfahrt und als er als Saulus auf der Straße nach Damaskus unterwegs war. Der Herr mag dieses drastische Vorgehen gewählt haben, um aus diesem Verfolger der Christen selber einen Christen zu machen. Aber die Kraft, die ihn den Rest seines irdischen Lebens definierte, kam nicht aus dem, was er gesehen hatte, sondern aus dem, wozu sein Glaube ihn gemacht hatte.

Paulus selbst schreibt in seinem Ersten Brief an die Korinther und im Hohen Lied der Liebe:

Einmal aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt. Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Von diesen dreien aber ist die Liebe das Größte.

(1.Korinther 13:12-13)

Jesus selbst vermittelte seinem Freund, dem Apostel Thomas, diese Wahrheit, als er ihm seine durchbohrten Hände und seine durchstoßene Seite zeigte und ihm sagte:

„Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

(Johannes 20:29)

Wie wir geliebt, gehofft und vertraut haben ist das, was unseren Charakter und unser Wesen auszumachen scheint und nicht das was wir gesehen haben.

Nicht der Jesus von Nazareth des Gründonnerstags ist es, der es vermag, uns zu bis aufs innerste anzurühren und zu verändern.

Es ist der Christus der Himmelfahrt, der Herr, der unserem Blick entzogen ist, der die Macht hat, uns zu Glauben, Hoffnung und Liebe zu führen und letztlich unser Wesen gänzlich neu werden zu lassen.

Dietrich Bonhoeffer war von diesem seinem Blick entzogenen Christus durchdrungen und neu gemacht worden.

Ein SS-Lagerarzt des Konzentrationslagers Flossenbürg war Zeuge der Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers und anderer bekannter oder hochrangiger Widerständler gegen die Naziherrschaft. Jahre nach dem Krieg berichtete er, wie er wenige Momente vor dessen Tod „Pastor Bonhoeffer“ in innigem Gebet mit seinem Herrgott kniend gesehen habe. „Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert.“

Als er am Morgen seiner Hinrichtung abgeführt wurde sagte er:

„Das ist das Ende – Für mich der Beginn des Lebens.“

Es ist mein Wunsch und mein Gebet, dass wir wünschen lernen, uns vom Herrn der Himmelfahrt zu einer Hoffnung und einer Liebe führen zu lassen, die die Macht hat unser Leben wieder und wieder neu werden zu lassen.

Amen.

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