Eine neue Wertschätzung für Heilige Geschichten

Von Barbara Walden

vom Team für Kirchengeschichte

(aus dem Herald, Jan-Feb 2018)

Während ich sanft die Porzellanpuppe in meinen Händen hielt, hörte ich einer Frau zu, die ihre Geschichte erzählte. Das zerbrechliche Spielzeug aus den 1880er Jahren wurde einst von einem fünfjährigen Mädchen namens Azuba gewertschätzt. Sie war ein hinreißendes Mädchen, geliebt von ihrer Familie und Gemeinde.

Als er einem Wiedersehenstreffen im Jahre 1884 beiwohnte erhielt ihr Vater Joseph Smith III ein Telegramm von seiner Ehefrau in dem sie ihm mitteilte, dass Azuba einen schrecklichen Unfall in der Schule gehabt hatte. Er eilte sofort nach Hause in der Stadt Lamoni in Iowa, allerdings nur noch, um der Beerdigung seiner Tochter an ihrem sechsten Geburtstag beiwohnen zu können.

Die Tragödie schien für Joseph und seine Frau Bertha unerträglich. Der Tod des Kindes traf auch die Gemeinde schwer. David Dancer, ein Nachbar und Freund der Familie teilte seine Gedanken mit dem trauernden Vater, „Bruder Joseph, ich verstehe nicht, warum ich so empfinde, wie ich es tue, aber ich kannte niemals ein Kind, zu dem ich mich so hingezogen gefühlt hätte, wie zu dem Kind, das du verloren hast.“

Nach langer Zeit,  viel Gebet und bemerkenswertem Zeugnis der Vergewisserung und Gnade Gottes, konnten Azubas Eltern und die Gemeinde letztlich lernen, mit ihrer Trauer umzugehen.

Die Frau, die diese Geschichte erzählte, war Azubas Ur-Großnichte. Die Geschichte und die Puppe waren über Generationen hinweg weitervererbt worden und nun hatte die Ur-Großnichte entschieden, dass es nun an der Zeit wäre, die Puppe wieder in das Heim zurück zu bringen, in dem sie gelebt hatte: Liberty Hall in Lamoni. Ich war erstaunt von der Großzügigkeit dieser Frau und versprach, dieses historische Artefakt zur Liberty Hall zu bringen.

Ich begriff, dass diese Puppe sehr viel mehr war, als ein Spielzeug; es hatte die Macht, Leben zu verändern. Was ich damals noch nicht verstand, war, dass sie auch mein eigenes Leben verändern würde.

So wie die Geschichten und Zeugnisse in der Schrift, so hat das Erbe der Gemeinschaft Christi die Macht, unser Verständnis der Gegenwart zu verändern.

Zwei Wochen später wurde ich eingeladen, Geschichten von meinen Sommerurlaubsreisen zu erzählen. Azuba und ihre Puppe gehörten zu den ersten Geschichten, die ich mitteilte. Ich nahm dieses historische Spielzeug aus seiner säurefreien, mit Stoff ausgekleideten Schachtel und hielt es sehr vorsichtig und so, dass die Gemeinde es sehen konnte, während ich der Gemeinde die Geschichte erzählte.

Dann geschah etwas Bemerkenswertes. Ein junges Mädchen stieg von ihrem Stuhl herab und kam an das Podest heran, um einen besseren Blick erhaschen zu können. Ich kniete mich nieder, um auf der Höhe des Kindes zu sein und zeigte ihr die Puppe. Sie fragte leise: „Ist das Azubas Puppe?“

„Ja,“ antwortete ich. Ein Schweigen ging durch die Versammlung, während jede Person im Raum sich auf das Drama, das sich vor ihren Augen abspielte, fokussierte.

„Hat Azuba mit ihr gespielt?“ „Ja, das hat sie, so, wie du mit deinen Puppen spielst,“ antwortete ich. Die Zeit stand still, während wir beobachteten, wie ein junges Mädchen aus dem 21. Jahrhundert eine Verbindung mit einem Kind aus dem 19. Jahrhundert aufnahm. Sie hatte eine aufrichtige Neugier, mehr über Azuba zu erfahren, die Dinge, die sie mochte, was sie interessierte, und wer ihre Geschwister waren. Es schien, als ob sie eine Spielkameradin treffen würde. Das einzige, was diese beiden voneinander trennte, war ein Jahrhundert der Zeit.

Ich bemerkte, dass dieses junge Mädchen in etwa das selbe Alter hatte, wie Azuba. Die ansteckende Freude und Liebe, die ich in ihrer Gegenwart sah, mag ähnlich der Freude gewesen sein, die Azuba der Gemeinde in Lamoni vor über 130 Jahren gebracht hatte. In diesem Moment erhaschte ich einen flüchtigen Blick des Leides und Schmerzes, den Azubas Familie und Gemeinde wohl wegen ihres Todes gefühlt haben müssen.

Der Gedanke, dass vielleicht dieses wertvolle Mädchen, das vor mir stand, einen tragischen Unfall auf dem Spielplatz erleiden könnte, trieb mir beinahe die Tränen in die Augen. Diese Interaktion zwischen den vergangenen und den gegenwärtigen Generationen gab mir ein größeres Bewusstsein der Macht unserer Geschichte und – noch wichtiger – ein Verständnis der Sorgen, Kämpfe und Opfer die Jene miteinander teilten, die uns voran gegangen sind. Es war ein Zeugnis der wichtigen Verantwortung, die ich habe – die wir alle haben – die Lehren der Kirchengeschichte der heutigen Jugend beizubringen.

Heute ist Azubas Puppe im wundervoll erhaltenen historischen Heim ihrer Familie, Liberty Hall, ausgestellt. Dort wird ihre Geschichte weiterhin mit Besuchern aus der ganzen Welt geteilt.

Die Worte aus Lehre und Bündnisse 162:2 klingen jedes Mal nach, wenn ich an einem Geschichtenabend in einem Versammlungsraum der Gemeinschaft Christi teilnehme:

Hört sorgfältig auf eure Reise als ein Volk, denn es ist eine heilige Reise und sie hat euch viele Dinge gelehrt, die ihr für die Reise, die noch vor euch liegt, wissen müsst.

Wir haben die einzigartige Gelegenheit, in die Vergangenheit zurück zu blicken aber auch uns auf die Zukunft zu besinnen. An diesem Ort haben wir die Gewissheit, dass derselbe Gott, der die glaubensvollen Fragen eines Jungen aus dem Westen des Bundesstaates New York beantwortete derselbe Gott ist, der auch bereit ist, heute zu uns zu sprechen. Wir sind ein gesegnetes Volk mit einer göttlichen Berufung. Ich bin stolz auf all das, was wir gemeinsam erreicht haben. Und ich freue mich sogar noch mehr auf die Reise, die noch vor uns liegt.

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